Weit öffnet sich der Blick vom Turm der Burg Rötteln. Vor uns liegt Lörrach – Meeranes Partnerstadt – eingebettet in das Wiesental und die Ausläufer des Oberrheingrabens, hinter uns die Berge des Schwarzwalds. Im Westen verschwimmt die Burgundische Pforte im Dunst. Die Landschaft ist eins und doch grenzen hier drei Staaten aneinander. Das Dreiländereck Schweiz, Frankreich und Deutschland zu erkunden, ist das Ziel unserer Exkursion. Herr Gimpel vom Verein zur Erhaltung der Burg Rötteln gab uns zunächst einen interessanten Einblick in die Geschichte dieser Region. Doch nun beschäftigt uns eine andere Frage: Wie wird die Zimmerbelegung in der Jugendherberge sein? Diese Angelegenheit ist allerdings schnell zu aller Zufriedenheit geklärt. Danach geht es zum Abendessen. Es schmeckt und wir genießen den schönen Blick durch die große Glasfront ins Grüne.
Am nächsten Tag begeben wir uns in die Stadt. Im Dreiländermuseum erklärt uns Herr Baiker an einem riesigen, auf den Fußboden gedruckten Satellitenbild die geografische Struktur und die historische Entwicklung des Dreilandes. Anschließend suchen wir in Arbeitsgruppen Antworten auf verschiedene Fragen: Warum spricht man vom Markgräflerland? Welche Vor- und Nachteile hatte die Rheinbegradigung? Warum begleiteten Krähen die aus dem Elsass nach dem Ende des 1. Weltkrieges ausgewiesenen Deutschen? Vom Museum aus laufen wir zum Rathaus. Dort empfängt uns Stadtrat Herr Bernnat. Im großen Sitzungssaal spricht er über die Entwicklung Lörrachs und die gegenwärtigen Aufgaben in der Stadt. Für viele sei es sehr attraktiv, in Lörrach zu wohnen und in der benachbarten Schweiz, wo deutlich höhere Löhne gezahlt werden, zu arbeiten. So sei Lörrach ein Zuzugsgebiet. Die Stadt platze aus allen Nähten. Es gäbe zu wenige Wohnungen, zu wenig Bauland, zu wenige Schulen. Die Wohnungsmieten seien sehr stark gestiegen. Herr Bernnat macht deutlich, dass daraus auch soziale Spannungen zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen entstünden, es aber keine Alternative sei, sich abzuschotten. Etwa 70 000 Pendler hätten dann große Probleme. Es brauche eine Politik vieler kleiner Schritte, die durchaus Geduld erfordere. Nachdem wir uns ins Goldene Buch der Stadt eingetragen haben, wird uns köstlicher Apfelsaft aus der Region und ein Gebäck serviert, das die Form einer Lerche hat, dem Wappentier Lörrachs. Von der Dachterrasse des Rathausturms überblicken wir die Stadt. Herr Bernnat zeigt uns das Wohnhaus von Ottmar Hitzfeld. Auch Jogi Löw und Christian Streich stammen aus dieser Gegend. In der Ferne sehen wir das Stadion des FC Basel. Wir überlegen, ob wir heute Abend zum CL-Spiel gegen Benfica Lissabon gehen, Karten wären noch zu haben, verwerfen dann aber diesen Gedanken, denn heute Abend soll unsere Disko laufen. Am Nachmittag erkunden wir Lörrach in einer Stadtrallye. Nach dem Abendessen geht es in den Diskokeller. Er versprüht den Charme der 80er des letzten Jahrhunderts. Schwarze Wände werden durch farbige Spots beleuchtet, an der Decke dreht eine Diskokugel wie zu den besten Zeiten John Travoltas. Hinter der Theke des DJ steht eine Kiste mit CDs aus ebenjener Zeit. Die Bravo-Hits sind alle vertreten. Immerhin gibt es auch ein freies Kabel, um Handys anzuschließen. So können wir unsere Musik hören. Jedenfalls herrscht gute Stimmung und wir sind in bester Tanzlaune. Besonders lustig wird es, als die Mädels und ein Junge aus einer Schweizer Klasse hinzukommen. Sie tanzen nicht nur ausgelassen, sondern singen auch lauthals. Schließlich sitzen wir alle vergnügt im Hippie-Bus.
Am Vormittag des nächsten Tages durchstreifen wir Basel. Wir stehen am Rheinknie. Hier, wo der Hochrhein in den Oberrhein übergeht, gab es seit altersher eine Brücke – die einzige weit und breit. Sie trug maßgeblich dazu bei, dass sich Basel zur mit Abstand größten und bedeutendsten Stadt im Dreiländereck entwickelte. Wir überqueren die Grenze nach Frankreich. Unser zweites Ziel an diesem Tag ist der Hartmannsweilerkopf. Dieser Berg in den Vogesen war während des 1. Weltkrieges hart umkämpft. Deutsche und französische Truppen belagerten ihn abwechselnd. Man grub sich ein und beschoss den „Feind“ mit hunderttausenden Granaten und Minen – monatelang, jahrelang. Die Soldaten nannten den Berg den „Menschenfresser“. Keine Seite errang einen strategischen Vorteil, doch 30 000 Menschen ließen ihr Leben. Nachdenklich stehen wir vor den endlos erscheinenden Gräberfeldern. Diese Tragödie hat sich hier vor etwa 100 Jahren ereignet. Sie konnte sich abspielen, weil jeweils eine vom Nationalismus besoffene Mehrheit der Bevölkerung den niederen Nachbarn untertan machen wollte. Schon sind gleiche Tendenzen in unserer Zeit nicht zu übersehen. Wieder erstarken Kräfte, die nach Abgrenzung rufen, die hinter dem Begriff einer „gesunden Nationalität“ mangelnde Toleranz gegenüber anderen Kulturen verbergen, die den europäischen Gedanken in Frage stellen, die „unser Land und unser Volk zurückholen“  und die „Regierung jagen“  wollen. Eine brisante Ideologie! Dagegen haben wir nicht nur auf dieser Klassenfahrt erlebt, wie wohltuend ein Miteinander verschiedener Nationalitäten sein kann.
Am letzten Programmtag unserer Exkursion geht es in den Europapark Rust. Er wurde 2017 zum besten Freizeitpark der Welt gewählt. Auch auf uns macht er einen angenehmen und professionellen Eindruck. Mit mehr als 100 000 Kürbissen wurde sein Gelände in Vorbereitung auf Halloween gestaltet. Das Wetter ist bestens, die Wartezeiten an den Attraktionen sind kurz. Silver Star und Blue Fire sind die Renner: Adrenalin pur. Manche stellen sich, kaum dass sie eine Fahrt beendet haben, gleich ein nächstes Mal an. Auch das erst im Juni eröffnete Voletarium – das fliegende Theater – ist ein Höhepunkt. In einem riesigen Simulator fliegt man über verschiedene Länder, Landschaften und Städte Europas. Eindrucksvoll erkennt man, dass die Schönheit dieses Kontinents in seiner Vielfalt besteht – ein guter Abschluss für eine Exkursion unseres Europäischen Gymnasiums.
Martin Frömmer