Interview in der Meeraner Zeitung

interview_bild.jpgAm 18. September feiern Sie das fünfjährige Bestehen des Europäischen Gymnasiums Meerane. Was ist Ihre Bilanz?

Kohlschmidt: Als wir 2005 anfingen, waren wir entschlossen, eine Schule aufzubauen, auf der die Schüler ihre Talente optimal entwickeln können. Eine Schule, die es ihnen ermöglicht, leistungsfähig, kritisch, selbstständig und kreativ zu sein. Es stand bei der Gründung nicht das Gymnasium Pate, das wir alle aus der „Feuerzangenbowle“ kennen, sondern ein Gymnasium, das den Anforderungen an die heutige Zeit entspricht. Vieles haben wir in den ersten Jahren erreicht, manches liegt noch vor uns.

Was steht auf Ihrer Habenseite?

Kohlschmidt: Von Anfang an existiert eine Atmosphäre an unserer Schule, die vom Miteinander gekennzeichnet ist. Der Umgangston zwischen allen in der Schule Agierenden ist freundlich. Von Anfang an haben wir die Leistungsbereitschaft der Schüler gefördert und vor allem auch abgefordert, ihnen sehr viele außerunterrichtliche Angebote in Form von Arbeitsgemeinschaften und Projekten unterbreitet, Förderunterricht bei Wissens- oder Verstehenslücken angeboten, sind - was Werte und Haltungen betrifft – unserem Erziehungsauftrag nachgekommen. Von Anfang an war es uns wichtig, mit den Schülern über den sächsischen Tellerrand zu blicken, was sich u.a. insbesondere in den die Lehrpläne ergänzenden Unterrichtsthemen widerspiegelt - ich denke beispielsweise an fächerverbindende Projekte wie an unsere französische oder afrikanische Woche, unseren Europatag oder unsere Projektwoche zur Fußballweltmeisterschaft. Es gehören dazu aber auch unsere Exkursionen, die in der Woche vor den Herbstferien stattfinden und z. T. in  andere Länder gehen. An dieser Stelle könnte ich noch mehr sog. Habenseiten aufführen, wie beispielsweise die Begabtenförderung oder die entspannte Lernatmosphäre aufgrund bewusst geringer Klassenstärken. Auf unsere Habenseite gehört aber auch die stete Weiterentwicklung unseres Schulkonzepts.

Dazu kommen wir gleich. Erst möchte ich etwas von den von Ihnen angedeuteten Baustellen erfahren.

Kohlschmidt: Habe ich das? – Nun, sehr unglücklich waren wir im abgelaufenen Schuljahr über die Entwicklung der Mittagessenversorgung. Wir arbeiten zur Zeit an einem Konzept, hier deutlich die Qualität des Essens und der Esskultur zu erhöhen.Wir sind gerade dabei, den alten Speiseraum wiederherzurichten. Wenn der fertig ist, wird ein deutlich verändertes Speisenangebot Wirklichkeit. Ansonsten ist die Institution Schule heute mehr denn je ein System, was Bewährtes erhalten soll und trotzdem aktuelle lernpsychologische und didaktische Erkenntnisse kreativ im Lernbetrieb berücksichtigt. Aus diesem Grunde haben wir vor etwa einem Jahr die Planungsgruppe „Interne Schulentwicklung“ ins Leben gerufen, der u. a. Frau Zimmermann angehört.

Worin bestand die Aufgabe der Planungsgruppe?

Zimmermann: Alle Lernpsychologen sind sich in einem Punkt einig: Der Lernerfolg ist bei Schülern dann am größten, wenn man ihnen das Lernen lernen und das selbstständige und eigenverantwortliche Arbeiten lehrt. Wir haben deshalb ein Konzept des offenen Unterrichts für die Klassenstufen 5 und 6 entwickelt, das wir ab diesem Schuljahr umsetzen. Aus diesem Grunde haben die Schüler dieser Klassenstufen in ihrem Stundenplan auch das Wort „Wochenplan“ zu stehen. Die Ziele sind die Förderung und Stärkung des Selbstvertrauens und der Selbstständigkeit durch Selbsttätigkeit, die Stärkung der Lern-, Methoden- und Sozialkompetenzen der Schüler und die bessere individuelle Förderung.

Was verbirgt sich hinter diesem Begriff Wochenplan konkret?

Zimmermann: In den Hauptfächern erhalten die Schüler von den Fachlehrern wöchentliche Lernaufgaben, die sie in den Wochenplanstunden bewältigen. Die Schüler bestimmen dabei die Reihenfolge der Aufgaben und das Arbeitstempo selbst. Dies geschieht unter Aufsicht und Beratung der Fachlehrer und Erzieher.

Sie haben bisher immer damit geworben, dass die Schüler der unteren Klassen in der Regel keine Hausaufgaben mit nach Hause nehmen. Ist dieses Prinzip mit dem Wochenplankonzept gekippt worden?

Zimmermann: Nein, überhaupt nicht. Die Wochenplanzeit umfasst mehr Stunden als für die eben genannten Fächer vorgesehen ist. Das ist auch notwendig, denn in dieser Zeit sollen zudem Schularbeiten gemacht werden. Im Wochenplankonzept ist für die betreffenden Klassenstufen auch der Förderunterricht integriert. Das hat den Vorteil, dass wir uns differenziert auf das Arbeitstempo und die Voraussetzungen der Schüler einstellen können. Schnell arbeitende Schüler erhalten zusätzliche Lernangebote in Form von Wahlaufgaben, Lernecken oder -zirkeln. Schüler mit Wissens- oder Fähigkeitslücken können gezielt unterstützt werden. Die Wochenplanarbeit gibt uns Pädagogen Instrumente in die Hand, viel passgerechter auf die einzelnen Schüler einzugehen. Wir können mit jedem Schüler individuelle Lern- und Entwicklungsziele formulieren. Dies geschieht in Auswertung von Befragungen und Beratungsgesprächen. Mit Hilfe von Auswertungsbögen sollen die Schüler lernen, eigenes Handeln und Verhalten zu reflektieren. In der Klassenleiterstunde erhalten sie die Zusammenstellung der zu bearbeitenden Themen und Inhalte für die kommende Woche. Dort ist auch die Gelegenheit, über arbeitsorganisatorische und andere Probleme zu sprechen.

Werden die Schüler mit diesen Freiheiten und Möglichkeiten nicht überfordert?

Zimmermann: Die Wochenplanarbeit ist eine erfolgreiche und bewährte Methode. Das wesentliche Ziel ist Entwicklung, das heißt, der Schüler übt eigenverantwortliches Lernen und Handeln. Das Konzept ist prozessorientiert, weshalb schnelle Ergebnisse nicht erwartet werden dürfen. Wir bestärken unsere Schüler, dass sie auf dem richtigen Weg sind und immer sicherer alleine „laufen“ lernen. Nach etwa drei Wochen können wir berichten, dass der Anfang weitgehend gelungen ist. In dieser Anfangsphase werten wir die ersten Schritte wöchentlich aus. Dort, wo wir merken, dass das Konzept nicht optimal umgesetzt wird, korrigieren wir uns. Der Wochenplan liegt in der pädagogischen Verantwortung der beteiligten Fächer, deren Kollegen die Lernmaterialien bereitstellen und für die entsprechende Lernumgebung sorgen. An den Vormittagen findet klassischer Unterricht statt, der die Grundlage für die Wochenplanarbeit darstellt. Fest eingebunden in diesen Unterricht ist die Methodenvermittlung, das sog. Lernen lernen. Wir haben festgelegt, in welchem Fach zu welchem Zeitpunkt die einzelnen Schwerpunkte vermittelt werden. Um den Schülern den Start in unserer Schule zu erleichtern, haben wir außerdem eine Methoden-Einführungswoche installiert, in der noch einmal Themen wie „Ranzen packen“, „Hefter führen“, „Anlegen von Lernkarteien“ oder auch „Lerntypenbestimmung“ behandelt werden. Und noch einmal ausdrücklich betont: Wir unterziehen unsere Arbeit einer kontinuierlichen Selbstevaluation.

Welche Schritte sind in der Planungsgruppe „Interne Schulentwicklung“ demnächst geplant?

Kohlschmidt: Wir konzentrieren uns in den nächsten Wochen und Monaten auf die Umsetzung des Wochenplankonzeptes und dessen Erweiterung auf die Klassenstufe 7 im Schuljahr 2011/12. Ein weiterer Schritt wird die gute Vorbereitung auf die Gestaltung der Sekundarstufe II. sein, die wir ab dem nächsten Schuljahr in unserem Hause haben werden.